Interventionen im dystopischen Raum.

Präambel

Die Erodierung der Stadtkerne ist ein weit verbreitetes Phänomen. In Paderborn sind der Königsplatz und der unterirdische ZOB durch Leerstände gekennzeichnet, Angsträume tun sich auf. Dem begegnet die Stadt mit Umbaumaßnahmen: zeitgemäßere Fassaden, neues Pflaster und Beleuchtung sollen den Ort aufwerten. Demgegenüber stehen die Ruinen einer überholten Vision vergangener Jahrzehnte. Wie können Künstler_innen dieser Situation begegnen? Wie soll man überhaupt darauf reagieren?
Der Leerstand ist ein Möglichkeitsraum. Die Ruine eine Chance für künstlerische Intervention, eine Stelle, die Fragen aufwirft, uns auffordert zu reagieren. Perspektive: Abriss. ist gedacht als Kollaboration unterschiedlicher Akteure, welche gemeinsam einen Ort durch dekadente Handlungen überführen - die kurz bevorstehende Zerstörung immer mitgedacht.
Posts mit dem Label Tim Pickartz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Tim Pickartz werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Wenn das eine aufhört, beginnt das andere...

9.8.2014: Filis Merit und Tim Pickartz beim Blick auf das Anwesenheitsprotokoll.





12.8.2014: Nach einer zweiwöchigen Pause wird nun wieder mit dem Entkernen des Gebäudes begonnen.


Wer verziert noch Fenster mit Window Color?

Ich habe früher viel mit Window Color gearbeitet und eigentlich auch für fasst dieses Fenster im Bild gestaltet und damit verziert. Irgendwann fand ich sie dann aber nicht mehr so angesagt und schön und habe dann damit aufgehört. Schon alleine die Reinigung der Fenster fand ich im Nachhinein recht kompliziert. Irgendwann verschwanden diese Farben dann auch aus den kleineren Geschäften und Freunde uns Verwandte nutzen sie auch nicht mehr. Ich gehe mal davon aus, dass es damals nur so ein Trend war. Man kann die Farben allerdings noch kaufen, daher denke ich mal wird sicherlich noch der ein oder andere damit arbeiten. 
(alkalie)

Als Kind und Jugendliche habe ich auch gerne Bilder mit Window Color für meine Fenster gemacht. Meine Mutter hat sich darüber auch regelmäßig geärgert, weil sie die Fenster reinigen musste und das mit den Bildern immer nicht so toll war. Dann war der Trend aber irgendwann vorbei und wir haben die Bilder an meinem Fenster auch nicht mehr gefallen. Es sah in meinen Augen kindisch aus und ich wollte das nicht mehr. Ich denke also, dass das größtenteils ein reiner Trend war und nun in Vergessenheit geraten ist.
(Ramones)

Man das Zeug wirklich noch immer kaufen? Window-Color gehört zu den Dingen meiner Kindheit, die schon wieder vollkommen verdrängt hatte. Es stimmt aber, was du sagst. Window-Color ist wirklich komplett aus dem Alltag verschwunden. Früher klebte demnächst ja wirklich in jedem Fenster, Spiegel, etc. Ich kann mich jetzt hinlegen gar nicht mehr erinnern, wo und wann ich das letzte Mal eine Scheibe gesehen habe, dieser verziert worden ist. Das erste Mal In Kontakt kam ich mit Window-Color glaube ich in der Grundschule, wo wir uns das Zeug alle im Kunstunterricht gekauft haben, um dann dort Bilder für zu Hause und auch für in der Schule zu malen. Ich glaube ehrlich gesagt auch nicht, dass in lokaler sonst heute noch irgendwo anzutreffen ist, außer in den Kindergarten und Grundschule, wo man sicherlich noch kleine Kinder faszinieren kann. Ich erinnere mich noch, wo sich meine Mutter Teilweise mit Freundinnen getroffen hat, um dann am Abend gemeinsam mitWindow-Color zu malen. Ich glaube wirklich nicht, dass diese Zeit noch mal zurückkommen. Lokaler war Aufjedenfall eine Modeerscheinung, ihre besten Zeiten aber schon lange hinter sich hat.
(damono)

Weitere Beiträge zum Thema: Link.

Freilichtmuseum Marienstraße: Erste (und letzte) Ausstellung

Im Rahmen der Initiative Perspektive: Abriss. wurde auch das Freilichtmuseum Marienstraße eröffnet. Mit einmaligem Weitblick über die Stadt Paderborn und erstklassiger Lage bietet es den Exponaten einen Raum, der mit keiner Galerie vergleichbar ist. Gezeigt werden Objekte, die sich mit Okkupation, Zerstörung und Architektur beschäftigen.

Miriam Schröder: Bunker

Tim Pickartz: Okkupierte Körper

Die Ausstellung ist aus Sicherheitsgründen nicht zugänglich. Im Rahmen der Abrissarbeiten werden sowohl die gezeigten Arbeiten als auch das Freilichtmuseum selbst zerstört.

Fwd: Re:

Ich weiß nicht, wie TIM auf dieses Haus gekommen war,
aber er sagte, er war schon einmal da. Es sah aus,
als würde es nur auf den Abriss warten (...)
Ich wusste nicht,
ob er BesAtzer
oder
BesItzer war...
Zutrauen würde ich ihm
beides
Lieber DEAN & alle, die es sonst noch interessiert:

Zunächst einmal: ich kam nicht alleine drauf. Das waren MIRIAM und TIM zusammen. Ein Dialog. Und auch wenn ich dich alleine auf Libori (oder in der Stadt, in der Nähe von Libori) angesprochen habe, ist unsere Einladung von uns beiden unterschrieben - prüf es nach!

Das Haus hat wirklich einen besonderen Charme (welch ein Euphemismus!): Ich dachte jahrelang wegen dem Schriftzug "HOT", es sei ein Puff gewesen. Passen zur Zenti würde es schon. Und dann kommt raus, es war eine christliche Einrichtung. Haus der offenen Tür! Lang, lang ist's her! Vor meiner Zeit, vor Miriams Zeit in Paderborn. Du kommst doch hier her, oder? Du musst es besser wissen!

Also, der Königsplatz ist nicht wirklich schön. Das sieht auch die Stadt so - die will es jetzt ändern. Das sehen auch die Händler so - die gehen einfach weg oder pleite. Und weil Leerstände den Ort nicht schöner machen, kam die Stadt auf die (gute) Idee, diese leeren Läden von Kultur-Menschen zwischennutzen zu lassen. (Was ist Zwischennutzung? Der Vortrag am 08.08.2014 wird das wohl klären!) Und über die Uni, die Kunst, unsere Chefin wurden wir darauf aufmerksam.

Wir haben uns viele Gedanken gemacht, was die Uni da machen könnte (und vielleicht in Zukunft machen wird) - aber ganz ehrlich: Das HOT fanden wir so reizvoll, das wollten wir selber machen. Es entstanden Pläne, die nicht mehr umsetzbar waren, weil der Abbruch plötzlich immer früher terminiert wurde. Dennoch haben wir uns bei der Stadt bemüht, die gaben uns die Nummer von der für den Abbruch zuständigen Architektin, die gab uns die Nummer von der Firma, die nach dem Abbruch das neue Bauloch aushebt und die gaben uns den Schlüssel.

Und ja: manchmal fühlt man sich wie ein Besetzer (du ja wahrscheinlich auch, wenn du da oben rumsitzt und Texte an die Wand schreibst), und wie es scheint, denken das auch die Nachbarn - wir hatten heute schon wieder das Ordnungsamt da. Aber die haben uns geglaubt, dass wir da drin sein dürfen. Und meine Deutschlehrerin hat mir in der siebten Klasse erzählt, dass derjenige, dem der Stuhl gehört, der Eigentümer ist, derjenige, der drauf sitzt, der Besitzer. Die beiden müssen somit nicht die selbe Person ist.

Wir alle vom Projekt sind also (wenn die gute Frau Recht hat) Hausbesitzer. Wow! Und dann noch so eine große Immobilie in Innenstadtlage. Zu dumm nur, dass der Eigentümer dafür nur noch eine Perspektive sieht: den Abriss. Andererseits: Wäre es anders, gäbe es das ganze Projekt nicht.

Ich hoffe, ich konnte dir erklären, wie wir zu diesem Haus gekommen sind! Und jetzt: Lass uns Seife kochen...

Bis bald

TIM


Haus der Offenen Fenster / Mitose

Zustände I - V des Spiels "Mitose (HOT: Fensterfront)" von insgesamt XVII Zuständen:







Die Fenster blieben bis zum Verlassen der Teilnehmer_innen des Gebäudes gegen 20:00 geöffnet.

Badezimmergeschichten



Eine Tessellation ist eine Aneinanderreihung von Polygonen, die eine Oberfläche ohne Lücken oder Überlappungen überziehen - im Deutschen spricht man auch von Parkettierung. Möchte man identische gleichseitige Polygone auf einer euklidischen Ebene verteilen, so gelingt eine Tessellation mit Dreiecken, Sechsecken und Vierecken - auch in Variationen wie Rauten und Trapezen. Lässt man unterschiedliche Polygone zu und/oder verzichtet auf deren Regelmäßigkeit, entstehen wildere Oberflächen, die chaotisch oder auch natürlich gewachsen wirken.
Die im Alltag am häufigsten anzutreffende Tessellation ist sicherlich eine aus Quadraten: Küchen und Badezimmer sind häufig mit quadratischen Fliesen ausgelegt - Polygone auf einer Oberfläche.
In einer der Wohnungen im Haus der Marienstraße 24 stößt man allerdings auf eine pragmatischere Lösung. Das Badezimmer ist mit einem PVC-Boden ausgelegt, der eine Tesselation aus verschiedenen unregelmäßigen Polygonen abbildet. Dieses scheinbar chaotische Muster wiederholt sich allerdings etwa alle fünfzig Zentimeter.
Bei dem Versuch einige dieser Polygone auszulösen, um damit zu arbeiten, fiel der Blick auf die darunter liegende Ebene. Verschüttete Geschichte in Form von grau-mellierten, quadratischen Fliesen. Hier überlagern sich nicht nur zwei Musterungen, sondern auch verschiedene Generationen von Bewohnern mit augenscheinlich unterschiedlichen Geschmäckern. Aus Fragen nach der Form werden fragen nach der Person. Wer hat hier gelebt, gebadet, sich für ein wildes Muster auf PVC entschieden?
Das Badezimmer ist schon weitestgehend leergeräumt, es finden sich kaum Spuren der früheren Bewohner. Eine Abdeckplatte ist mit einer Bärchen-Tapete beklebt. Stammt diese aus der selben Generation wie der Boden? Schließlich fällt der Blick auf etwas, was höchstwahrscheinlich von den letzten Bewohnern stammt: in dem in die Fliesen eingelassenen Seifenhalter liegen Seifenreste.
Dieses ephemere Material überdauert nicht mehrere Generationen. Selbst wenn man sich nicht damit wäscht, kann es sich in feuchten Räumen langsam auflösen. Mit dieser Seife wurde sich offensichtlich gewaschen, oder vorsichtiger, sie wurde benutzt. Aber die Art und Weise, wie sich diese Seifenreste darstellen, wirft Fragen auf, die man einer Seife normalerweise nicht stellen würde.
Wenn man hier eine Archäologie der Seife betreibt, was würde man herausfinden?



Mitose (HOT: Fensterfront)

SPIELREGELN

I. Es gibt ein Spielfeld, gebildet aus der Fensterfront des Gebäudes in der Marienstraße 24 in Paderborn. Dieses Spielfeld umfasst 12 Fenster in drei Reihen.
II. Das Spiel startet, indem ein aleatorisch bestimmtes Fenster geöffnet wird. (2W6)
III. In jeder Spielrunde wird ein an ein offenes Fenster angrenzendes weiteres Fenster geöffnet.
IV. Die Richtung wird aleatorisch bestimmt. (36W4) Nicht durchführbare Würfe werden wiederholt.
V. Diese Entwicklung wird in der Reihenfolge fortgesetzt, in der die Fenster geöffnet wurden.
VI. Ist ein Fenster von allen vier (bzw. je nach Position allen drei oder zwei) Seiten von offenen Fenstern umgeben, scheidet es aus der Entwicklung aus.
VII. Das Spiel endet, wenn alle Fenster geöffnet sind.
VIII. Die Fenster bleiben einige Stunden geöffnet, bevor das Spielfeld in seinen Ausgangszustand zurückgeführt wird.

[Ergänzung]
IX. Lässt sich ein Fenster nicht öffnen, wird es als außerhalb des Spielfeldes definiert. Würfe, die auf dieses Feld verweisen, gelten als nicht durchführbar.

Tim Pickartz: Mitose | Spiel I, Zustände I, III, V, VI | Radierung auf Bütten | 38 x 26,5 cm | 2009

2W6: 6, 5;
33W4: 1, 4, 2, 2, 4, 4, 4, 1, 1, 1, 4, 4, 4, 4, 1, 4, 1, 4, 4, 4, 4, 4, 4, 4, 4, 4, 4, 4, 4, 4, 4, 4, 4, 4, 4, 4; [Nach Einführung von Regel IX] 4, 1, 4, 4, 2, 4, 2, 4, 4, 4, 4, 4, 3, 4;